86 Ausgabe Juni 2026 www.der-wirtschaftsfuehrer.at Heute beherbergt das Haus mit mehr als 30 Millionen Objekten eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Sammlungen der Welt. Das NHM Wien ist ein einzigartiges Archiv für die Entstehung und Entwicklung der Erde und des Lebens. Es dokumentiert Geschichte und Aufbau unseres Planeten, zeigt die Vielfalt des Lebens auf der Erde und gibt Einblick in die Entwicklung des Menschen. Wie kaum ein anderes naturhistorisches Museum erforscht es anhand von biologischen, geologischen, paläontologischen, mineralogischen, anthropologischen, urgeschichtlichen und kulturhistorischen Objekten das gesamte Spektrum der Natur in Vergangenheit und Gegenwart. Das 150-jährige Jubiläum ist für das NHM Wien nun Anlass für eine kritische Rückschau auf die eigene Geschichte. Dabei stehen die Lust am Sammeln und die Freude am Entdecken und Erforschen, die bis heute die Wissenschafterinnen und Wissenschafter antreiben, den Schattenseiten des Sammelns und der Sammlungen gegenüber. Manche Objekte erscheinen janusköpfig, sind sie doch wissenschaftlich einzigartig und zugleich durch ihren problematischen Erwerbskontext belastet. Waren die berühmten Expeditionen des 19. Jahrhunderts ein ehrenhafter Versuch, Wissen zu vermehren und exotische Objekte für die kaiserlichen Sammlungen zu lukrieren – oder war eine koloniale Agenda die wahre Motivation? Wie wurde mit Objekten verfahren, die während der NSZeit unrechtmäßig ans Haus kamen, und wie sind Stücke zu bewerten, die auf ethisch bedenkliche Weise in die Sammlungen gelangten? Je nach Standpunkt fungiert ein Objekt als nüchterner Träger wissenschaftlicher Information oder als Manifestation fragwürdiger Sammlungsmethoden. Je nach Perspektive ist ein Sammlungsobjekt materiell wertvoll und zugleich von geringem wissenschaftlichem Interesse. Umgekehrt kann ein unscheinbares, winziges Insekt ein Weltunikat sein, dessen Verlust nicht in Geld aufzuwiegen ist. Diese im NHM Wien und seinen Sammlungen manifest werdende Ambivalenz stellt das Leitmotiv der Ausstellung dar und prägt ihre Architektur und Gestaltung. Bewusst nahm das Gestalter-Team von breadedEscalope und Benedikt Haid unerwartete Standpunkte ein, um die Sammlungen bzw. ausgewählte Objekte in ungewohnter Perspektive zu beleuchten und neu zu kontextualisieren. So entstand eine Ausstellung, die mit den üblichen Sehgewohnheiten und Erwartungen bricht und trotz der komplexen Themen die intensive und oft liebevolle Verbindung der Kuratoren mit „ihren“ Sammlungen spüren lässt. Denn erst durch die Wissenschafter und die Anwendung neuer Methoden ergeben sich immer wieder neue Fragestellungen, die die Bedeutung der Sammlungen für unsere moderne Wissensgesellschaft zeigen. In den Kabinetten wird die Geschichte des Hauses seit den ersten Anfängen unter Maria Theresia und Franz I. Stephan von Lothringen the- © NHM Wien/Foto: Wilhelm Bauer-Thell © NHM Wien/Foto: Chloe Potter © NHM Wien/Foto: Wilhelm Bauer-Thell
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